Inklusion Muss Laut Sein

In den Straßen von Berlin – warum Winterhilfe ein Teil der Inklusion ist

Inklusion ist ein wichtiger Bestandteil im gesellschaftlichen Zusammenleben – zumeist wird der Begriff aber viel zu infaltionär für alle möglichen Gruppen von Menschen gebraucht. Als Allround-Schlagwort nutzen es VertreterInnen von Initiativen gerne für Fluchterfahrene, Senioren oder Menschen mit einer Behinderung.
Immer drauf bedacht, dadurch zu erklären, wie weit am Rande der Gesellschaft diese Gruppen sich befinden. Betrachtet man diese Aussagen und den Begriff „Inklusion“ allerdings sehr nüchtern, gibt es diesen Rand der Gesellschaft nicht. Ein Rand kann nur dort entstehen, wo etwas klar begrenzt ist, die Gesellschaft ist aber ein sehr dynamisches Gebilde und wir alle sind ein Teil von ihr.

Im Fokus sollte nicht stehen zu darum zu pokern, wen es am härtesten trifft. Sondern eine Gemeinschaft zu schaffen, die für alle zugänglich ist, die Chancen eröffnet und Möglichkeiten bietet, aber eben auch Forderungen stellt.

In Zeiten von Corona, haben wir als Teil der Gesellschaft mehr als jemals zuvor, die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass niemand übersehen oder vergessen wird, gar durch das wackelige soziale Netz fällt. Natürlich gibt es Menschen, die es nicht leicht haben, aber Inklusion bedeutet in einem sozialen Kontext nicht noch zusätzliche Hürden aufzubauen. Eine Gesellschaft begründet sich auf die Vielfalt, die allen die gleichen Chancen zugesteht und eine Möglichkeit zu einem uneingeschränkten, selbstbestimmten Leben bietet.

Doch es gibt da diese Grauzone, eine Art von gesellschaftlichem Dämmerlicht . Menschen die unter dem Radar abtauchen. Sie sind da, aber werden kaum wahrgenommen. Das Thema Obdachlosigkeit, ist eng mit den Bereichen Inklusion und Behinderung verbunden.

Kalt ist es geworden und die Nässe kriecht unaufhaltsam durch die zerschlissene Kleidung, der am Boden sitzenden Gruppe obdachloser Männer. Ein wenig Schutz vor dem stechenden Wind suchen sie im Eingangsbereich eines bereits geschlossenen Kaufhauses. Die Kaputzen ihrer Jacken haben sie tief ins Gesicht gezogen, was zusätzlich ein wenig die eigene Wärme halten soll. Passanten eilen an ihnen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Unweigerlich fragt man sich bei diesem Anblick, ob Obdachlosigkeit in einer Stadt wie Berlin zur Normalität geworden ist, zu einem Teil des Alltags, den man wenn überhaupt nur noch beiläufig aufnimmt.

Bunt, laut, lebendig, so kennen die meisten BesucherInnen Berlin. Das kulturelle Herz der Stadt schlägt in den vielen Clubs, Bars und Galerien . Selbst Corona konnte es bisher nicht gänzlich zum verstummen bringen. Immer wieder gab es in den vergangenen Monaten kleine Hoffnungsschimmer, dass nun endlich das Virus in den Griff zu bekommen sei. Doch in diesen Zeiten ist es für die, die auf der Straße leben noch härter geworden. Das haben auch die Organisatoren vom Zug der Liebe erkannt. Bereits im vergangenen Winter halfen sie mit sehr viel Herzblut dort, wo Kleidung, ein freundliches Wort oder ein heißes Getränk für die Nacht von Nöten war.

In diesem Winter soll alles noch professioneller werden

Eine eherenamtliche Helferin mit ihrem Hund, unterhält sich mit einem obdachlosen Mann im RollstuhlInklusion Muss Laut Sein unterstützte die Kollegen und Kolleginnen vom Zug der Liebe schon im Vorjahr so gut es ging.
Die Zusammenarbeit fiel auf fruchtbaren Boden und war geprägt von Wertschätzung für die Tätigkeiten der jeweiligen Partner. In diesem Jahr konnten wir bereits dringend benötigte Schlafsäcke, Isomatten, Zelte, Desinfektionsmittel, Corona-Schnell-Tests und eine Menge nützlicher Dinge aus unseren Lagerbeständen beisteuern. Alles um dort zu helfen, wo die Not am Größten ist.

Doch was hat die Obdachlosenhilfe mit Inklusion zu tun? Oftmals fehlen Dinge wie Rollatoren, Rollstühle, Gehstöcke gänzlich oder die benutzten Hilfsmittel sind in einem desolaten, eigenlich nicht gebrauchsfähigem Zustand. Eine Krankenversicherung, die die Kosten übernehmen könnte – Fehlanzeige! Nässe, fehlende Waschmöglichkeiten oder kleine Verletzungen ziehen in diesen Fall einen Rattenschwanz nach sich. Die Folgen für die auf der Straße lebenden Menschen sind oftmals gravierend. Doch wieviele Obdachlose mit einer Behinderung in den Städten leben, darüber gibt es keine zuverlässigen Zahlen.

Doch es geht nicht nur um das körperliche oder gesundheitliche Wohl, so ist der Zugang zu dieser gesellschaftlichen Parallelwelt oft durch sprachliche Barrieren eingeschränkt. Hierfür entwickelten wir einen niederschwelligen Einstieg, der auch für Menschen mit einer Einschränkung in der Sprache genutzt wird. Der so entstandene Flyer verbindet kurze Sätze aus der Muttersprache mit einfachen Bildern. Corona wirkt unter Obdachlosen wie ein Brandbeschleuniger, so sind die meisten Menschen, die auf der Straße leben schon gesellschaftlich isoliert, nun sind sie zumeist aber auch noch von Hilfsleistungen abgeschnitten.

Nah am Menschen ohne Mitleid – Beweggründe

Ich engagiere mich seit einigen Jahren bei anderen Vereinen, versuche durch mein Know-How oder das Netzwerk von Inklusion Muss Laut Sein im Hintergrund zu helfen. Auslöser sind eigenen Erfahrungen und die Menschen, die man durch diese Tätigkeit trifft. Hinter jedem einzelnen Schicksal steckt eine Geschichte, hinter jeder Geschichte ein Mensch.

So traff ich am Tag der Gründung von Inklusion Muss Laut Sein auf dem Weg zu einer der renomiertesten Anwaltskanzleien in Hamburg einen älteren Herren. Dieser saß mit seinem Rollator auf einer Brücke, hielt einen Becher in der Hand und bat die Passanten um eine kleine Spende. Viele liefen einfach vorbei ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Mir sind die Menschen auch nach all den Jahren nicht egal geworden, so besorgte ich zwei Kaffee und ein Brötchen. Ein wenig Zeit blieb mir noch, bis zum vereinbarten Termin mit dem Notar. Ich sprach den älteren Mann an und fragte, ob er mit mir einen Kaffee trinken wolle und seine Augen leuchteten auf.

Es dauerte nicht lange, bis wir ins Gespräch vertieft waren. Er erzählte, dass er bis zu seiner Rente als Stauer (Be- und Entladen von Schiffen) im Hamburger Hafen gearbeitet. Die körperlich anstrengende Arbeit machte sich nun im Alter bei ihm bemerkbar, ohne den Rollator wäre er aufgeschmissen gewesen. Er und seine Frau hatten sich für den verdienten Ruhestand vieles vorgenommen, sie wollten Reisen unternehmen, noch etwas erleben und fremde Länder sehen. Doch seine geliebte Helga verstarb plötzlich und unerwartet, das brachte seine Welt ins Wanken. Um den Verlust zu verkraften und um die Einsamkeit zu betäuben begann er zu trinken. So führte eins zum Anderen und er verlor seine Wohnung. Mit dem Trinken hat er nach eigenen Angaben irgendwann aufgehört, aber die Einsamkeit macht ihm immer noch zu schaffen. Einer der Gründe, warum er auf dieser Brücke saß war, dass er einfach unter Leute sein wollte.

Ich kam ein wenig zu spät zum Notartermin, was aber nach meiner Entschuldigung und der Erklärung, des Grundes eher zum Staunen führte, wo die Prioritäten liegen.

Nur gemeinsam durch die Pandemie – Hilfe für Berlin

Hast du einmal versucht ein paar Stunden auf der Straße zu sitzen? Ich meine hier nicht in schicken Cafes oder auf der Bank im Park, sondern auf dem kalten harten Boden. Du bist Schmutz, Lärm, Kälte und verächtlichen Kommentaren ausgesetzt. Wie bereits vorher erwähnt, können kleine Verletzungen unter diesen Umständen schnell zu Entzündungen führen. Die Gründe für eine mögliche Behinderung sind vielfältig, aber wenn man sie verhindern kann, dann sollte man dieses auch tun. Nicht weil eine Behinderung etwas schlechtes wäre, sondern einfach um jemanden nicht noch neue Hürden in den Weg zu stellen.

Inklusion soll behinderten Menschen ermöglichen, in der Gesellschaft die gleichen Chancen zu erhalten. Doch sie soll auch dafür sorgen, dass Menschen gesehen werden und wahrgenommen werden. Deshalb sind die Maßnahmen zur Teilhabe und Inklusion in beiden Bereich sehr ähnlich. Nicht jeder Behinderte ist hilfsbedürftig und nicht jeder Hilfsbedrüftigte ist behindert, aber wir werden es nur gemeinsam durch die Pandemie schaffen. Mit einem kurzen Blick über unseren eigenen Tellerrand.

Für den Einen ist es ein Zelt unter einer Brücke…

…für den Anderen eine Art „Wohnraum“. Möchtest Du, dass jemand Fremdes unangekündigt bei Dir im Wohnzimmer steht?

Viele verschiedene Dinge liegen in einem Zelt, was für den einen unnütz erscheint, kann auf der SStraße ein Leben rettenDie Antwort dürfte hier sicherlich ein ganz klares „NEIN“ sein. Auch wenn die Absicht hinter der Winterhilfe eine gute ist, es gibt goldene Regeln, an die man sich halten sollte.
Hierzu sprachen wir mit Betroffenen in Hamburg und Berlin, welche Grenzen es für sie gibt. Bevor Du auf Obdachlose triffst oder ein Camp betrittst, mache dich bemerkbar! Nichts ist schlimmer, als jemand der unangekündigt in Deinem Wohnzimmer steht. Sei freundlich und lächel ein wenig, das nimmt schon die Spannung aus einem ersten Kennenlernen. Flyer mit verschiedenen Sprachen, einfachem Deutsch und Bildern helfen zu zeigen, was Du möchtest. Behandel jeden Menschen, so wie auch Du behandelt werden möchtest und vermeide Mitleid. Mitleid führt zu einer Herabstufung des Gegenübers, da man vermeindlich die Situation nachempfinden kann und davon ausgeht, dass jemand „leidet“. Glaub mir, das kannst Du nicht. Natürlich kannst Du empathisch sein, aber bewege Dich immer auf Augenhöhe.

Das Wichtigste ist aber, dass Du zuhörst, vielleicht bei einem Kaffee?

Seit über zwei Jahren kämpfen auch wir von Inklusion Muss Laut Sein mit den Folgen von ausgefallenen Festivals, Begleitungen von Fans mit einer Behinderung und Beratungen in Sachen Barrierefreiheit im Kultursektor. Manches Mal fühlt es sich an, wie ein schwerer Schlag in die Magengrube. Doch wir sind uns unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst und versuchen auch in diesen Zeiten dort zu helfen, wo es uns möglich ist.


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