Inklusion Muss Laut Sein

Interview mit Katja Kaminski

Wenn ich groß bin werde ich auch Spießer, ach von wegen. Unsere Gesprächspartnerin im „Inklusion Muss Laut Sein“ Interview hat mit Spießigkeit so viel am Hut wie Bud Spencer Filme in denen Golf gespielt wird. Punk mit Leib & Seele, Mutter, Buchautorin, Leidenschaftliche Köchin das alles & und noch vielmehr erfahrt ihr nun über Katja Kaminski!!

Katja Kaminski die wohl punkigste Köchin und Autorin steht an einem SeeIMLS: Hey Katja schön dass du Zeit für uns hast.

Sehr, sehr gerne und danke auch. Es ist mir ein Fest!

IMLS: Stell dich uns doch mal kurz vor
Vorstellungsrunde, yay.

Ich bin 32 läppische Jahre jung, komme ursprünglich aus Auxburg und lebe heute als Tier-, und Menschenrechtsaktivistin mit meinen beiden Kids und unserem Hundekumpel Herr Pünker im eher konservativen Tirol. Hier gehe ich der ganz „normalen“ Lohnarbeit nach, schreibe im stillen Kämmerlein aber auch meine Bücher, koche, genieße meinen Minimalismus, sitze mit Freund_innen zusammen und schimpfe, lache oder philosophiere über die Welt.

Ich lache gerne (auch über mich selbst), meditiere dann und wann, bin begeisterte Kickboxerin und gnadenlos überpünktlich.
Im Grunde versuche ich in jedem Aspekt meines Lebens so ziemlich ungefähr ganz genau bei der Sache (und mir selbst) zu sein. 🙂

IMLS: Was die meisten ja nicht wissen werden du hast damals ein Bündel geschnürt deine Kinder unterm Arm und bist nach Österreich gezogen gab es dazu einen Anlass?

Katja Kaminski: Klar, dazu gab es einen Anlass – und seitdem ich Deutschland verließ, wurde es ja wirklich auch ziemlich still um meine Person. Mein Sohn wurde im Herbst 2011 in eine Regelschule eingeschult. Zu meiner generellen Abneigung bezüglich des Regelschulsystems gesellte sich das Mobbing, dem mein Sohn Sam ausgesetzt war. Als vegan lebendes Kind auf dem Land ist das alles gar nicht so einfach.

Es war also klar, dass eine Veränderung passieren musste. Ich beschloss, nach Tirol zu ziehen, um Sam bei einer freien Schule (Lernwerkstatt Zauberwinkl) anzumelden, die von mehreren veganen Kindern besucht wird. Betreuer_innen sind dort unter anderem Tierrechts-, und Politkünstler Chris Moser und seine Frau Karin, was mir von Anfang an ein gutes Gefühl bescherte.

Mittlerweile gibt es auch in Deutschland immer mehr Schulen dieser Art, was mir die Entscheidung leicht macht, in den nächsten Jahren abermals meine wenigen Habseligkeiten zu packen, um den Rückzug anzutreten.

IMLS: Du hast bei Veganen Events gekocht hast lange auch mal im Restaurant gearbeitet (hast auch ein Catering Unternehmen Punk up your Kitchen oder ist eher das falsche Wort Catering?)

Ich koche beruflich momentan eher selten. Zuletzt war ich dieses Jahr für eine Kochshow bei der Vegan Planet-Messe in Innsbruck. Die Kocherei fehlt mir so ziemlich. Gerade meinen Posten als Küchenchefin vermisse ich ein manches Mal. Auch wenn ich im Alltag die Möglichkeit habe, Menschen im privaten Rahmen zu bekochen, so wird es doch in einem Restaurant immer etwas besonderes bleiben.

Leider ist hier in Tirol der Veganismus noch nicht wirklich angekommen. Somit fehlt leider auch die Möglichkeit, wieder in der Gastronomie zu arbeiten. Bei „Punk up your kitchen“ handelt es sich nicht um ein Cateringunternehmen als solches. Ich bin im Alltag zwischen Kindern, Hund, Job, dem Schreiben etc. zu sehr eingespannt, als dass ich mich da wirklich reinknien könnte. Zwischen „Ich koche dir dein Geburtstagsmenü und du holst es dir von mir ab!“, „Alles klar, ich stelle dein Partybuffet auf die Beine!“ und „Jep, ich koche in eurer Feldküche beim Festival mal vier Tage lang!“, habe ich trotzdem immer wieder lustige,
leckere und abwechslungsreiche Anfragen angenommen. 🙂

Du bist Autorin von jeweils 1 Koch/ 1 Back und 2 Kinderbüchern hast 2 Kinder und kämpfst für Tier und Menschenrechte da ziehe ich meinen imaginären Hut vor dir.

Katja Kaminski: Ziehen brauchste vor mir gar nichts. Ich bin n bisschen bunter als andere, aber sonst ganz normal. Die Frage, die sich mir jetzt stellt, betrifft allerdings den imaginären Hut. Vermutlich werde ich heute mit dem Gedanken einschlafen, ob ich diesen besagten Hut dann als überhaupt nicht existent, oder eher als im-Kopf-liegend betrachten würde. Und, ganz wichtig: Welche Farbe hat der Hut?

IMLS: Um was handeln deine beiden Kinderbücher? besonders Augenmerk möchte ich auf dein aktuelles „Die Kunst des Miteinanders“ legen da „Inklusion Muss Laut Sein“ und „New Metal Media“ ja genau auch da ihre Wurzeln haben. „Die geschenkte Freiheit“ ist eine antispeziesistische Geschichte für Kinder ab etwa fünf Jahren. Sie erzählt die Geschichte mehrerer Tiere, die den Bauernhof, auf dem sie viele Jahre vom Menschen „gehalten“ (was für ein Wort, ey!) wurden, verließen, um alles hinter sich zu lassen und ihr Glück in der Freiheit zu finden.

„Die Kunst des Miteinanders“ ist ein ganz spannendes Projekt. Und ja, euch und mich, uns verbindet da auch etwas. 🙂 Ich plante schon lange, ein solches Buch zu schreiben. Es entstand aus meinem Unverständnis heraus, was die Diskriminierung und Ausgrenzung „anderer“ innerhalb der Gesellschaft betrifft. Tag für Tag werden im Kindergarten oder der Schule, innerhalb des Freundeskreises und der Familie, im Zug und der Straßenbahn, beim Nachbarn oder im Blumenladen, Menschen diskriminiert und
ausgeschlossen. Es wird klar vermittelt, dass nicht jedes Leben gleich viel Wert besitzt. Worte wie „behindert“, „schwul“ oder „Opfer“ werden wie selbstverständlich als Schimpfwörter eingesetzt.

Das ist unglaublich grausam und undurchdacht. Aber unsere Kinder wachsen damit auf, Prägung findet statt. Und ich denke, wir sollten uns dagegen stellen. Ich habe das in Form von Geschichten getan. Und so beinhaltet „Die Kunst des Miteinanders“ dreizehn Kurzgeschichten für das Miteinander und die Courage für winzig kleine und klitzegroße Menschen.

Die Geschichten erzählen davon, wie sich Individuen füreinander einsetzen und verstehen, dass sie gleichwertig sind. Ich möchte und werde gar nicht so viel darüber verraten. Das Buch wird großartig angenommen. Besonders gefreut hat mich, dass eine österreichische Schule, die etliche Exemplare des Buches bestellte, einen Lesenachmittag veranstaltet hat, an dem Volksschulkindern von größeren Kids aus meinem Buch vorgelesen wurde.

Eine große Ehre für mich. Die Umschlagsgestaltung übernahm übrigens Anita Zinauer, die Mensch von anderen Tierrechtsprojekten her kennt. Somit wurde aus dem Buch tatsächlich eine gelungene Kunst des Miteinanders.

Katja Kaminski die wohl punkigste Köchin und Autorin schnippelt an einem Tisch Gemüse

IMLS: Die Adventszeit die „besinnliche & schönste Zeit des Jahres“ wie es ja immer heißt wo die Menschen noch aggressiver und rücksichtsloser durch die Gegend laufen als sonst. Darf ich fragen wie bei Familie Kaminski Weihnachten gefeiert wurde?

Katja Kaminski: Hm, ich weiß nicht, ob die Menschen in der Whynachtszeit tatsächlich noch aggressiver und rücksichtsloser sind. Zumindest kommen sie in Massen, stürmen die Konsumtempel und kaufen sich und anderen ein großes Glück. Vielleicht wirken sie geballt einfach nur so bedrohlich. 🙂

Ich bin nicht christlich veranlagt. Generell ist Whynachten für mich ein ganz seltsames Fest. Die Menschen sagen, es ginge um das Beisammensein, die Gesellschaft anderer. Was aber, wenn wir doch an jedem einzelnen Tag die Möglichkeit hätten, die Tischkultur aufrecht zu erhalten?

Wieso nur an den Whynachtstagen? Weshalb eigentlich auch nur im eigenen Kreis – ist es nicht wichtig, sich zu öffnen und auch andere einzuladen?

Und wieso, wenn es doch ums Beisammensein geht, gaben die Teilnehmer_innen einer Umfrage an, im Jahr 2016 ca. 280 Euro (PRO KOPF!) für Whynachtsgeschenke auszugeben? Kleiner Tipp – jede_r bringt was zu futtern mit, man sitzt zusammen, (er)lebt gemeinsam, unterstützt und begleitet sich. Nicht nur an Whynachten.

Ich schreibe jedes Jahr für meine Kinder eine Whynachtsgeschichte, die ganz klar vermittelt, dass nicht für jede_n Whynachten ist. Habe ich dieses Jahr auch getan und vorgelesen. Sam und Ronja bekamen ein paar Geschenke und wünschten sich ihr Lieblingsessen, mein bester Freund kam zu Besuch, es gab Whynachtsplätzchen und viele, viele brennende Kerzen. Zudem steht Jahr für Jahr unsere Türe den Menschen offen, die sich einsam fühlen – das gilt auch für Silvester.

IMLS: Mit welcher Historischen Figur kannst du dich am besten identifizieren Pipi Langstrumpf, Katze mit Hut, oder Peppermint Patty?

Pippi Langstrumpf, klare Sache, die hat mich geprägt. Als Kind verbrachte ich meine Ferien oft damit, von morgens bis abends zu lesen. Ich hatte drei Bücher von Pippi, deren Text ich stückweise auswendig konnte. Trotzdem las ich diese Bücher immer und immer wieder. Es hat mich so fasziniert, dass Pippi trotz ihrer enormen Stärke kein einziges Mal Schaden anrichtete. Immer stand sie für andere ein, lieh ihnen ihre Kraft und war einfach da. Rotzfrech und kunterbunt turnte sie durchs Leben und lebte ganz nach ihren eigenen Regeln.

Die Kapitel, in denen Pippi abends in ihrer Villa Kunterbunt traurig wurde, wie beispielsweise an Whynachten, haben mich besonders bewegt. Wenn sie zu ihrer verstorbenen Mama und ihrem weit entfernten Papa sprach, liefen mir immer die Tränen. Ich glaube, dass diese Aspekte in Pippis Geschichten auch ganz wichtig sind und waren, um ihre Stärke nicht künstlich wirken zu lassen.

Pippi hat ihre Macht nie missbraucht. Das macht sie zu einer ganz Großen. Mensch weiß ja, dass Pippi neun Jahre alt ist. Das wird sie immer bleiben. Und ich glaube, Pippi ist offen genug, um fremde Gäste aufzunehmen. Also hoffe ich, dass sie eines Tages ein wenig Zeit für mich findet, wenn mir hier alles zu viel wird und ich nach Takka-Tukka-Land aufbreche.

IMLS: Wie betrachtest du das Jahr 2016? Ich für meinen Teil habe die Schnauze voll da ist einfach so viel Furchtbares passiert und geschieht weiterhin aber wem sage ich das. Was sind deine Pläne für 2017?

2016 ist strange, da hast du völlig recht. Für mich persönlich war es ein ganz positives, tolles Jahr, in dem ich viele Pläne erstellt, und mich ganz auf mein Wohlbefinden konzentriert habe. Ich habe mich in den Sport gestürzt, Zeit mit Freund_innen verbracht, „Die Kunst des Miteinanders“ veröffentlicht – irgendwie war für mich echt alles cool. Trotzdem brennt es an allen Ecken. Die politische Situation empfand ich dieses Jahr als besonders bedrohend, die wachsende Anzahl der Anschläge auf Asylbewerber_innenheime sind mehr als bedenklich. Und während die Menschen vom Terror faseln, werden sie selbst zu Terrorist_innen.

Die österreichische Bundespräsidentenwahl war auch total strange und blieb bis zum Schluss etwas, das mich zum Zittern brachte. Über Aleppo fange ich jetzt gar nicht an, das würde kein Ende nehmen. Meine Gedanken sind dort. Es sind in diesem Jahr so viele Menschen und Tiere gestorben. Ich weiß nicht, ob wir uns das alle einbilden, ob wir einfach generell sensibler werden für das, was da draußen passiert. Trotzdem muss uns jederzeit klar sein, dass das, was wir mitbekommen, nur ein winziger Bruchteil dessen ist, was auf diesem großen Planeten passiert. Nach wie vor sterben Menschen am Hunger, von denen niemals jemand etwas gehört haben will. Die Frauen ganzer Dörfer gebären körperlich und geistig beeinträchtigte Kinder, weil sich Monsanto auf den Feldern ausbreitet.

Katja Kaminski: Das alles ist nur ein ganz winziger Teil an Unterechtigkeit, von dem wir wissen. 2017 wird für mich ein sehr arbeitsreiches Jahr werden. In der nächsten Zeit werde ich mich auf ein Kinderkochbuch konzentrieren, das ich gemeinsam mit Schlunz, der bereits mein erstes Kinderbuch „Die geschenkte Freiheit“ illustriert hat, veröffentlichen werde. Ich will nicht soooo viel verraten, finde die Idee dahinter jedoch sehr cool und freue mich, Teil des Projekts sein zu dürfen.

Ist die Arbeit für dieses Buch beendet, steht vermutlich noch ein weiteres Gemeinschaftsprojekt in Buchform an. Allerdings ist es bisher nichts Spruchreifes, weil es für mich mitunter gar nicht so easy ist, zeitintensive Projekte mal ganz nebenbei zu verwirklichen. Ich bleibe auf jeden Fall am Ball. Sollte ich es schaffen, dieses Buch, das bereits seit Jahren immer wieder Thema war, in die Tat umzusetzen, schuldet ihr mir mindestens zwei Kilo Kekse.
Mit ner dicken Schicht Johannisbeermarmelade drin. Bittedanke.

IMLS: Wer jetzt auf deine Bücher neugierig geworden ist wo kann er diese ergattern?

Katja Kaminski: Sowohl mein Koch-, als auch das Backbuch sind nicht mehr im Handel erhältlich. Ich habe den Vertrieb eingestellt und der Rest der Bücher wird für Tombolas etc. gespendet. Die beiden Bücher waren reine Anfängerbücher – völlig unprofessionell und eher Spaßprojekte. Dass ich Tausende von Exemplaren von ihnen verkaufen würde, hätte ich niemals erwartet.

Trotzdem kam es so. Das erstaunt mich und ich bin allen Unterstützer_innen sehr dankbar. Ich konnte mich allerdings schon lange nicht mehr mit den Büchern identifizieren, was es nicht einfacher gemacht hat. Ich finde es nach wie vor sehr cool, auf Hochglanzbilder und den Billigdruck aus dem Ausland verzichtet zu haben, aber es lagen vom Niveau her einfach Welten zwischen diesen Büchern und beispielsweise meiner Arbeitsleistung im gehobenen Restaurant.

Meine anderen Bücher sind in jeder beliebigen Buchhandlung bestellbar, oder auch im Online-Buchhandel zu finden. „Die Kunst des Miteinanders“ ist zudem in etlichen alternativen Buchhandlungen vertreten. Vor allem linke und/oder queere Buchhandlungen haben das Buch ins Sortiment aufgenommen.

Die letzten Worte gehören dir Katja Kaminski

IMLS: Gut das war es von meiner Seite aus die abschließenden Worte gehören dir.
Katja Kaminski: Dann sage ich jetzt einfach mal „DANKE!“

Und zwar genau dafür, dass ihr ein großes Zeichen setzt. Die Benachteiligung beeinträchtigter Menschen interessiert leider oft nur diejenigen, die selbst davon betroffen sind. Für andere scheint es sich oft noch um ein Tabu-Thema zu handeln. Wollen wir hoffen, dass wir gemeinsam längst überfällige Veränderungen schaffen werden können. Hand in Hand, mit Hirn und Herz.
Okay, und Metal. So muss das.

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