Lydia sitzt auf dem Sofa und strickt

Inklusion Muss Laut Sein – Blinde sollten sichtbar sein – Gastbeitrag von Lydia Zoubek

Es ist später Nachmittag, als ich beim Frauenstammtisch unserer Blindenselbsthilfe ankomme. Das Thema der heutigen Referentin interessiert mich so sehr, dass ich den Weg von 60 Minuten auf mich genommen habe. Und damit ich nicht so untätig dasitze, packe ich gleich mal mein Strickzeug aus und beginne meine Arbeit. Da mein heutiges  Strickmuster keine große Aufmerksamkeit einfordert, kann ich mich problemlos mit meinen Tischnachbarn unterhalten.

Lydia sitzt auf dem Sofa und strickt

Auf dem Bild sitze ich auf dem Sofa und stricke an einem großen Stück, welches auf meinem Schoß liegt.

Es dauert nicht lang, bis sich eine ältere Frau darüber wundert, dass ich trotz kranker Augen stricken kann. Für sie ist das absolut unfassbar. Erst recht, da ich ein großes Strickstück in Form eines Rocks in Händen halte und in schnellem Tempo stricke.

Aus dieser Frage schließe ich, dass meine Gesprächspartnerin erst im Alter erblindet ist, so wie ein Großteil der Blinden, die hier in Deutschland leben. Und zu ihrer Zeit als Sehende hat sie wahrscheinlich nur wenig bis gar keine Erfahrung mit Blinden gesammelt. Erst recht nicht mit Blinden, die handarbeiten.

Nicht alle Blinden können stricken oder generell handarbeiten. Das ist ähnlich gelagert wie bei normal sehenden. Man muss es mögen und wollen. Und natürlich irgendwo erlernen. Bei Blinden ist es nur dadurch erschwert, dass man es richtig gezeigt bekommt. Mir hat es eine Erzieherin im Alter von 13 Jahren gezeigt. Und es hat mir so gut gefallen, dass ich heute noch Spaß daran habe. Meine normal sehende Tochter kann es nicht. Dafür kann sie besser nähen und häkeln als ich. Das liegt nicht an der Blindheit, sondern daran, dass mir das keinen Spaß macht.

Die meisten nicht blinden glauben daran, dass Blinde absolut hilflos sind, oder bewundern diese für absolut selbstverständliche Dinge, wie Kochen oder alleine einkaufen. Woran liegt das? Ich bin der festen Überzeugung, dass es ein stückweit damit zu tun hat, dass Blinde nur bedingt in Erscheinung treten. Und das sollte man ändern. Denn würden mehr Blinde auf Deutschlands Straßen unterwegs sein, dann würden sie auch mehr gesehen werden.

Wenn ich in einem Kaffee sitze, meine Tastatur auspacke, um an einem Text zu arbeiten, möchte ich meinen Hintern dafür verwetten, dass ich auffalle wie ein bunter Hund vor einer weißen Wand. Und ich kann die Fragen spüren, die mich umgeben. Blind, schreiben, wie geht das? Und dann auch noch ohne sehende Begleitung. Und dennoch mache ich das immer wieder. Aus zweierlei Gründen. Zum einen lenkt mich zuhause zu viel ab, um konzentriert an meinen Texten arbeiten zu können, zum zweiten will ich aufzeigen, dass auch Blinde Menschen nicht die personifizierte Hilflosigkeit sind.

Wir können nicht darauf warten, dass nicht Blinde zu unseren Veranstaltungen kommen und sich freiwillig informieren. Damit erreichen wir nur eine verschwindend kleine Anzahl. Wenn wir aber dorthin gehen, wo sich unsere Zielgruppe aufhält, nämlich überall da wo Menschen eben sind, dann können wir mehr erreichen.

Wenn ich zu einem Elternabend oder anderen Veranstaltungen gehe, bei denen ich vielleicht Notizen machen möchte, dann wird eben die Tastatur ausgepackt und das IPhone mit hingestellt. Damit zeige ich, dass ich meine Notizen ohne fremde Hilfe mache und bearbeite. Wenn ich auf Augenhöhe kommunizieren möchte, dann muss ich meinen Teil dazu beitragen. Und dazu gehört für mich eben auch zeigen.

Vor ca. zwei Jahren habe ich ein Seminar an der Arab. Episkopal school gegeben. Das ist eine Schule in Jordanien, die sowohl Blinde als auch Sehbehinderte und Blinde unterrichtet. Das Thema war „Umgang mit dem Blindenstock“. Am zweiten Tag sprach ich eine blinde Schülerin darauf an, dass sie ihren Stock nicht dabei habe. Sie antwortete mir, dass ihr Vater meinte, sie brauche das nicht. Der Vater wollte nicht, dass die Tochter allein mit Blindenstock unterwegs ist. Und erst recht nicht, dass man von Weitem sehen konnte, dass das Kind blind ist.

Das ist kein Merkmal des Auslands, wie manche sicher denken mögen. Hier in Deutschland kenne ich das auch, dass mir meine Begleitung erklärte, ich solle den Stock doch bitte in die Tasche stecken, da ich doch jetzt geführt würde. Meinen Stock und mich gibt es nur im Doppelpack. Nur ich allein entscheide wann ich ihn einstecke und wann ich ihn in der Hand halte. Und niemand anderes. Meine Sehbehinderung ist eine meiner Eigenschaften. Zugegeben eine, die buchstäblich ins Auge fällt. Und ich bin es mir wert sie genauso zeigen zu können wie meine Haarfarbe oder meine Kleidung.

Auf dem Bild sieht man einen Laptop mit Braillezeile. Auf dem Bildschirm sind die ersten Zeilen eines Textes zu sehen. Neben dem Rechner steht eine Tasse Kaffee

Auf dem Bild sieht man einen Laptop mit Braillezeile. Auf dem Bildschirm sind die ersten Zeilen eines Textes zu sehen. Neben dem Rechner steht eine Tasse Kaffee

Zum Schluss möchte ich noch ein Erlebnis zum Besten geben, das ich vor etwa 10 Jahren hatte. Damals habe ich in jeder freien Minute gestrickt. Auch im Bus oder in der U-Bahn. Irgendwann musste ich Maschen zählen und tat dies mit den Fingern. Eine Frau, die mir dabei zugesehen hatte, fragte mich: „Sie Arme. Haben Sie denn niemanden, der das für Sie macht“? Ohne nachzudenken habe ich geantwortet: „Nein, Dienerschaft ist teuer“. Keine Ahnung was dieser frau durch den Kopf gegangen ist. Ich werde es wohl niemals erfahren.

Ich lade Euch ein in den Kommentaren über diesen Artikel zu diskutieren. Und wem er gefällt, der ist herzlich eingeladen auf meinem Blog lydiaswelt vorbeizuschauen.

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